Wenn Werte stehen bleiben – und Erholung leise beginnt

Die neuen Laborwerte sind da.
Und sie zeigen etwas, das auf den ersten Blick beunruhigt:
Die Neutrophilen steigen nicht. Sie bleiben stehen.

In meinem Kopf taucht sofort diese eine Frage auf:
Warum tut sich nichts?

Was ich dabei lernen muss – und gerade lerne:
Stillstand ist nicht automatisch Rückschritt.

Unter Kisqali reagieren Blutwerte oft zeitverzögert. Der Tiefpunkt kommt nicht immer dann, wenn man ihn erwartet. Und die Erholung beginnt nicht immer dort, wo man sie sich am meisten wünscht. Manchmal braucht das Knochenmark länger, um wieder in Gang zu kommen. Nicht, weil es nicht kann – sondern weil es gründlich arbeitet.

Wichtig ist dabei vor allem, was nicht passiert:
Die Werte fallen nicht weiter.
Es gibt keine Entzündungszeichen.
Keinen Hinweis auf Infekt, keine Eskalation.

Das Bild ist stabil.
Nur langsam.

Diese Phase fühlt sich zäh an, weil Zahlen sichtbar werden, ohne dass sie sich bewegen. Weil man wartet und scheinbar nichts „passiert“. Aber genau dieses Nicht-Passieren ist gerade entscheidend. Mein Körper hält die Linie. Er schützt sich. Er nimmt sich Zeit.

Und doch passiert etwas – leise, im Hintergrund.
Die Gesamt-Leukozyten sind gestiegen. Die Monozyten deutlich. Andere Werte stabilisieren sich. Das Knochenmark arbeitet, aber nicht linear. Erholung ist kein Sprung nach oben, sondern oft ein vorsichtiges Ordnen, bevor Bewegung sichtbar wird.

Diese Erkenntnis verändert meinen Blick auf die Zahlen.
Nicht jeder Fortschritt zeigt sich sofort. Manchmal kündigt er sich nur an: in der Stabilität, im Ausbleiben eines weiteren Abfalls, in Werten, die sich vorbereiten, bevor sie sich verändern.

Hinzu kommt eine Vorgeschichte, die man auf dem Laborzettel nicht sieht: die Beckenbestrahlung.
Im Becken liegt ein großer Teil unseres aktiven Knochenmarks – genau dort, wo Blut gebildet wird, wo Neutrophile entstehen, wo Reserven liegen. Eine Bestrahlung in diesem Bereich wirkt nicht nur auf Tumorgewebe, sondern immer auch auf das Knochenmark selbst. Und diese Wirkung endet nicht mit dem letzten Bestrahlungstag. Das Knochenmark braucht Zeit – Wochen, manchmal Monate – um sich zu regenerieren.

Kisqali kommt genau hier ins Spiel. Es bremst gezielt die Zellteilung, auch die der Blutvorläuferzellen. In einem vorbehandelten Beckenmark dauert es deshalb oft länger, bis sich Werte erholen. Nicht, weil der Körper versagt, sondern weil er vorsichtig arbeitet.

Die Therapie wird angepasst, nicht abgebrochen.
Die Pause wird verlängert – nicht aus Unsicherheit, sondern aus Fürsorge.
Und wenn es weitergeht, dann in einer Dosis, die langfristig tragfähig ist.

Vielleicht ist das eine der schwersten Lektionen in dieser Zeit:
Zu akzeptieren, dass Heilung und Stabilisierung keine Kurven sind, die jeden Tag nach oben zeigen.

Manchmal bedeutet Weitergehen, stehen zu bleiben –
bis der nächste Schritt wieder sicher ist.

Und manchmal beginnt Erholung genau dort:
leise, langsam, unspektakulär.
Aber stabil.

Und dann gibt es diese stillen Beweise im Alltag.
Heute Morgen bin ich ohne Wecker aufgewacht. Der Kopf war sofort klar, präsent. Kein vorsichtiges Abtasten, kein erstes Prüfen, wie der Körper heute in Bewegung kommt.
Später habe ich die große Runde mit dem Hund geschafft – ruhig, selbstverständlich, draußen.
Das Wetter war eisig kalt – und genau das war auf eine seltsame Weise angenehm. Die Kälte auf der Haut, der klare Atem, jeder Schritt bewusst gesetzt. Dieses Wetter lässt einen spüren, dass man da ist. Wirklich da.

Während die Zahlen stehen bleiben, bewegt sich mein Körper.
Nicht schnell, nicht leicht – aber zuverlässig.
Gehen. Atmen. Draußen sein. Leben im Kleinen.

Vielleicht ist genau das gerade der ehrlichste Maßstab.
Nicht nur das, was im Labor messbar ist, sondern das, was sich anfühlt wie Präsenz. Wie Kraft, die nicht laut ist, aber da.

Und manchmal sagt ein Spaziergang mehr als jede Zahl:
Ich bin unterwegs.