Antje aus Bremen

Antje aus Bremen

Wie eine Diskussion über Flüchtlinge mich zu meiner eigenen Geschichte führte

Eigentlich begann es mit einer politischen Frage.
Abschiebung nach Syrien – gerechtfertigt oder nicht?
Ich merkte schnell, wie klar meine Haltung ist:
Menschenrechte gelten für jeden. Ohne Wenn und Aber.

Aber während ich argumentierte – über Integration, Verantwortung, Trauma, Arbeitsmöglichkeiten – wurde mir bewusst:
Ich spreche nicht nur politisch.
Ich spreche biografisch.


Begegnung verändert Haltung

Vor einigen Jahren begleiteten wir als Team ein Integrationsprojekt. Je ein Jahr arbeiteten wir mit fünf Geflüchteten – Frauen und Männern. Sie waren im Sprachkurs, lernten aber auch bei uns auf Station.

Irgendwann begannen sie zu erzählen.

Von Eltern, die erschossen wurden.
Von Vergewaltigungen auf der Flucht.
Von Zwangsheirat.
Von Angst.

Solche Geschichten entstehen aus Vertrauen.

Und genau da wusste ich: Integration passiert nicht durch Unterbringung.
Sie passiert durch Beziehung.

Alle fünf haben ihren Weg gemacht. Einige begannen später eine Ausbildung zur MFA.
Nicht, weil sie „verwaltet“ wurden –
sondern weil sie teilhaben durften.


Verantwortung endet nicht bei der Aufnahme

Wenn ein Land sagt: „Wir nehmen Menschen auf“,
dann übernimmt es Verantwortung.

Nicht nur für Unterkunft und Versorgung.
Sondern für Teilhabe. Für Arbeit. Für psychologische Hilfe bei Trauma. Für Perspektive.

Arbeit ist mehr als Einkommen.
Arbeit ist Würde.
Arbeit ist Zugehörigkeit.

Das ist meine Überzeugung.

Und dann wurde mir klar: Diese Überzeugung kommt nicht nur aus Begegnung mit Geflüchteten.

Sie kommt auch aus meiner eigenen Geschichte.


Mit 17 allein

1991 bin ich als 17-Jährige aus der ehemaligen DDR in die BRD gezogen.
Ein Deutschland – und doch zwei Welten.

Ich sage immer:
Ich bin in ein Land gegangen, in dem zum Glück Deutsch gesprochen wurde.
Den Rest musste ich lernen.

Neue Codes.
Neue Selbstverständlichkeiten.

Ich musste mich beweisen.
Immer ein bisschen besser sein.

Mein Vater sagte:
„Die sollen nicht sagen, die Ossis sind gescheitert.“

Dieser Satz sitzt tief.
Er macht leistungsbereit.
Aber er macht auch müde.


Zwischen den Schubladen

„Ah, die Wessis kommen.“
„Ach, die Ossis …“

Man schwebt dazwischen.
Man will einfach nur sein –
und wird trotzdem eingeordnet.

Im Osten musste man zeigen, dass es einem gut geht.
Im Westen musste man beweisen, dass man mithalten kann.

Was für ein Unsinn.

Erst als ich in Bremen landete, wurde es ruhiger in mir.

Hier fühlte ich mich nicht mehr erklärt.
Hier war ich einfach da.

Und dann bekam ich einmal das schönste Kompliment meines Lebens:

„Sie sprechen aber einen schönen Bremer Dialekt.“

Kein Nachfragen.
Kein Einordnen.
Kein Herkunfts-Stempel.

Nur:
Du klingst hier zu Hause.


Antje aus Bremen

Nicht Ost.
Nicht West.
Nicht Beweis.

Einfach Antje.

Vielleicht begann diese Diskussion politisch.
Aber sie endete persönlich.

Und vielleicht ist das mein Kern:
Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der niemand erst perfekt funktionieren muss, um bleiben zu dürfen.

In der man nicht beweisen muss, dass man dazugehört.

Sondern einfach sagen darf:

Ich bin hier.
Und ich bin richtig.

Antje aus Bremen. 🤍