Zehn Jahre später – und wieder ist sie da
vor einem Tag:
In den letzten Tagen hatte ich das Gefühl, ich renne von Untersuchung zu Untersuchung, von Befund zu Befund, von Arzt zu Arzt. Ein MRT hier, ein CT da, Biopsie, Staging, Aufklärungsgespräche, Aussagen, die manchmal Mut machen und auch ganz viel Angst.
Manchmal beides gleichzeitig.
Es ist diese Zwischenwelt, in der man lebt, wenn man noch auf die entscheidende Antwort wartet: Nicht krank, nicht gesund, nicht entwarnt, nicht bestätigt.
Man ist einfach… dazwischen.
Und genau diese Zwischenräume machen müde. Was mich dabei am meisten überrascht: Wie viele Worte man in so kurzer Zeit hören kann, auch die unausgesprochenen, und die alle etwas anderes bedeuten.
Der Unfallchirurg sagt, dass momentan nichts zu operieren ist.
Der Radiologe schreibt Formulierungen, die nach Gefahr klingen, aber eigentlich nur bedeuten: „Wir müssen alles prüfen.“
Mein Onkologe aus dem Brustzentrum erklärt mir ruhig die nächsten Schritte, die möglichen Therapien, die guten Chancen, die es gibt – und dann sagt er diesen einen Satz, der mich auch ein kleines bisschen tiefer atmen läßt:„Wenn es hormonsensitiv ist – und davon gehe ich aus – dann ist es gut therapierbar.“
Aber was mich in all dem am meisten trägt, ist nicht ein Arzt, nicht ein Befund, nicht ein Bild.
Es ist etwas anderes.
Jemand anderes.
Meine Freundin Elke.
Sie ist wieder da.
So wie damals vor zehn Jahren.
Damals, als alles schon einmal auf dem Kopf stand, als nichts sicher war, als ich dachte, dass ich das niemals schaffe.
Sie ist diejenige, die mich in den letzten Tagen eng begleitet, durch Nachrichten, kleine Momente und große Worte.
Die einfach „da“ ist, auch wenn sie nicht immer im Raum sitzt.
Die mich auffängt, wenn mein Kopf wieder zu schnell wird.
Die mich beruhigt, wenn mich ein Satz aus der Bahn wirft.
Die mich erinnert, dass ich atmen kann, auch wenn es sich gerade nicht so anfühlt.
Es gibt Freundschaften, die sind wie Brücken: Sie tragen dich rüber, auch wenn du nicht weißt, ob du auf der anderen Seite noch stehen kannst.
Und manchmal hält genau so eine Brücke dich zum zweiten Mal in deinem Leben.
Es fühlt sich seltsam vertraut an – dieser Kampf, diese Warterei, diese Angst.
Aber es fühlt sich gleichzeitig etwas leichter an, weil ich weiß, dass ich nicht alleine durch die Schritte gehe. Nicht durch die Untersuchungen. Nicht durch die Gedanken, in denen alles zu viel ist.
Und vielleicht ist das in all dem Chaos die wichtigste Erkenntnis:
Die Ärzte ordnen meine Befunde.
Aber sie ordnet mein Herz.
Und bis die Histologie kommt, bis die nächste Entscheidung getroffen wird, bis die Richtung klarer ist –habe ich jemanden, der meine Hand hält.
Wie damals.
Und damit das nicht falsch verstanden wird:
Ich bin nicht alleine.
Mein Mann ist da – immer.
Still, stark, schützend, auf eine Art, wie es nur jemand kann, der dein Leben kennt wie kein anderer.
Und auch andere Freundinnen stehen an meiner Seite, fragen nach, schreiben, hören zu, tragen mit.
Aber sie…sie hat eine Sonderstellung.
Weil wir diesen Weg schon einmal gemeinsam gegangen sind.
Weil sie weiß, wie ich auf solche Befunde reagiere.
Weil sie meine Angst kennt, ohne dass ich sie erklären muss.
Weil sie die Worte findet, bevor ich weiß, dass ich sie brauche.
Nicht mehr – aber auch nicht weniger.
Es ist einfach ein anderes Band.
Eines, das Geschichte hat.
Eines, das nicht ersetzt, was die anderen geben,sondern etwas Eigenes dazu legt.
Und genau das tut in dieser Zeit unglaublich gut.