Als ich begann, mich selbst zu verlieren

Als ich begann, mich selbst zu verlieren

Es geschieht nicht von heute auf morgen.

Man verliert sich nicht plötzlich in einer Beziehung. Es passiert langsam, beinahe unbemerkt. In vielen kleinen Momenten, in denen man beginnt, sich selbst zurückzunehmen.
Man überlegt, was man sagt. Wann man es sagt. Und ob es überhaupt sinnvoll ist, etwas anzusprechen.
Man kommt nach Hause und versucht zuerst, die Stimmung zu erfassen. Ist heute ein guter Tag? Kann ich erzählen, was mich beschäftigt? Darf ich meine Sorgen aussprechen? Oder ist es besser, einfach still zu sein?

Irgendwann werden diese Fragen zur Gewohnheit.

Man wägt seine Worte ab, bevor man sie ausspricht. Man schluckt Gefühle herunter, verschiebt Gespräche und stellt eigene Bedürfnisse hinten an. Nicht unbedingt, weil der andere es verlangt, sondern weil man Angst hat, noch mehr Abstand entstehen zu lassen.

Man möchte den Menschen, den man liebt, nicht verlieren.
Und während man versucht, die Nähe zu bewahren, entfernt man sich Stück für Stück von sich selbst.
Lange habe ich gehofft, dass sich etwas verändert. Dass wir wieder zueinanderfinden. Dass das, was uns einmal verbunden hat, wieder stärker wird.
Dabei habe ich vielleicht viel zu lange übersehen, wie viel Kraft mich dieses Hoffen gekostet hat.

Wie anstrengend es ist, ständig aufmerksam zu sein. Zwischen den Zeilen zu lesen. Stimmungen wahrzunehmen. Zu überlegen, welche Worte richtig sind und welche besser unausgesprochen bleiben.

Und dann kam die Trennung.

Etwas, vor dem ich mich so lange gefürchtet hatte.
Doch neben der Traurigkeit geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.
Es wurde ruhig in mir.
Plötzlich musste ich nicht mehr versuchen, etwas zusammenzuhalten, das ich allein gar nicht zusammenhalten konnte.
Ich musste nicht mehr jeden Blick deuten, jede Stimmung hinterfragen oder überlegen, ob meine Gedanken gerade Platz haben dürfen.
Diese Ruhe hat mich überrascht.
Vielleicht, weil ich erst jetzt begreife, wie lange ich innerlich angespannt gewesen bin.

Das bedeutet nicht, dass unsere gemeinsame Zeit schlecht war. Es gab Liebe, Glück, schöne Erinnerungen und viele Jahre, die immer ein Teil meines Lebens bleiben werden.
Ich muss diese Geschichte nicht schlechtreden, um zu verstehen, dass sie mir zuletzt nicht mehr gutgetan hat.
Und ich muss auch nicht wütend sein, um loslassen zu dürfen.
Vielleicht habe ich einen Teil dieses Abschieds schon lange vor der eigentlichen Trennung erlebt. In all den Momenten, in denen ich gehofft, gewartet und mich immer wieder ein kleines Stück zurückgenommen habe.

Jetzt beginne ich, mich selbst wieder wahrzunehmen.
Ich treffe Entscheidungen. Ich schmiede Pläne. Ich stelle mir vor, wie mein neues Zuhause aussehen wird. Welche Möbel ich möchte, welche Farben mir gefallen und wie ich mein Leben gestalten will.

Es sind scheinbar kleine Dinge.
Aber sie gehören mir.
Und vielleicht ist genau das der Anfang von etwas Neuem.
Nicht, weil ich vergessen möchte, was einmal war.
Sondern weil ich mich daran erinnern möchte, wer ich selbst bin.

Ich darf meine eigene Geschichte weiterschreiben, ohne unsere gemeinsame auslöschen zu müssen.

Und vielleicht bedeutet Loslassen manchmal nicht nur, einen anderen Menschen gehen zu lassen.

Sondern endlich wieder bei sich selbst anzukommen.