Baum 748
Am 18. September haben wir meinen Dad beigesetzt.
Ich habe lange überlegt, ob ich darüber überhaupt schreiben kann. Vielleicht auch, weil sich manches erst im Nachhinein sortiert. Und weil eine Beisetzung so endgültig ist. Bis dahin gibt es immer noch Dinge zu organisieren, Telefonate zu führen, Entscheidungen zu treffen. Irgendetwas ist noch zu tun.
Und dann steht man plötzlich da.
Im FriedWald in Bremervörde.
An einem Baum mit der Nummer 748.
Wir waren nur eine kleine Runde. Fünf Menschen. Und Yuki natürlich.
Mehr brauchte es auch nicht.
Es war kein großer Abschied. Kein Raum voller Menschen, keine langen Reden, keine Veranstaltung, bei der man irgendwann gar nicht mehr weiß, wohin mit sich und seiner Trauer.
Es war still.
Und persönlich.
Ich hatte einen Origami-Kranich dabei. Einen Schmetterling. Und ein kleines Holzherz mit Yukis Pfotenabdruck.
Kleine Dinge vielleicht.
Aber manchmal erzählen gerade solche Dinge viel mehr als große Worte.
Yukis Pfote auf diesem Herz gehörte für mich unbedingt dazu. Weil sie eben auch Teil unserer Familie ist. Weil Erinnerungen nicht immer nur aus Menschen bestehen. Sie bestehen aus gemeinsamen Wegen, Tieren, Orten, kleinen Ritualen, Gerüchen, Sätzen, Blicken.
Und aus Dingen, deren Bedeutung vermutlich nur die Menschen verstehen, die dazugehören.
Ich glaube, genau das hat diesen Abschied für mich richtig gemacht.
Nicht perfekt.
Ein Abschied kann wahrscheinlich niemals perfekt sein.
Aber passend.
Dad liegt nun unter Bäumen.
Kein klassischer Friedhof, keine Reihen von Grabsteinen. Wald. Erde. Blätter. Wind.
Das gefällt mir.
Und gleichzeitig ist da natürlich dieser eine Gedanke, den man bei all den Vorbereitungen wunderbar wegorganisieren kann:
Jetzt ist es wirklich vorbei.
Mein Dad ist tot.
Diesen Satz zu schreiben fühlt sich noch immer merkwürdig an.
Am 26. August ist er gestorben. Und seitdem ist so viel passiert, dass mein Kopf vermutlich manchmal noch hinterherläuft. Krankenhaus. Abschied. Papierkram. Wohnung. Erinnerungen. Beisetzung.
Und gleichzeitig läuft mein eigenes Leben einfach weiter.
Krebs macht schließlich keine Trauerpause.
Vielleicht war deshalb dieser kleine Abschied im Wald genau richtig.
Kein großes Drumherum.
Nur wir.
Dad.
Baum 748.
Ein Kranich.
Ein Schmetterling.
Ein kleines Herz mit einer Hundepfote darauf.
Und ganz viele Erinnerungen, die sowieso in keinen Sarg und unter keinen Baum passen.
Die nehme ich mit.
Manche sind leicht.
Manche tun weh.
Und manche werden vermutlich erst irgendwann wieder auftauchen, völlig unerwartet, wenn ich eigentlich gerade etwas ganz anderes mache.
So ist das wohl mit Menschen, die zu unserem Leben gehören.
Sie verschwinden nicht einfach, nur weil man sie beerdigt.
Sie wechseln nur den Ort.
Und mein Vater hat jetzt seinen unter den Bäumen.