Wenn Kümmern zur zweiten Muttersprache wird…
Manchmal frage ich mich, wann das eigentlich passiert ist.
Wann aus einem "Kannst du mal eben?" ein Lebensstil wurde.
Ich bin so ein Mensch, der sich kümmert.
Nicht ein bisschen.
Sondern richtig.
Ich sehe Dinge, bevor andere sie sehen.
Eine Wunde, die besser wird.
Eine Hornisse, die sich merkwürdig verhält.
Ein Kind, das gerade einen Schubs in die richtige Richtung braucht.
Einen Vater, der sagt: "Ist schon alles gut." – obwohl eben nichts gut ist.
Ich organisiere.
Pflegegrade.
Hilfsmittel.
Wundversorgung.
Arzttermine.
Schulübergänge.
Urlaubsvertretungen.
Und nebenbei versuche ich, dass zu Hause alle irgendwie bei Laune bleiben.
Klappt meistens.
Zumindest denken das die anderen.
Hoffe ich.
Was sie nicht sehen:
Dass ich manchmal nach Hause fahre und einfach nur still bin.
Nicht traurig.
Nicht wütend.
Einfach leer.
Die Sache mit dem "Das ist doch selbstverständlich"
Ich glaube, das ist mein größter Fehler.
Nicht, dass ich helfe.
Sondern, dass ich alles, was ich tue, für selbstverständlich halte.
Natürlich fahre ich noch mal zu Dad.
Natürlich wechsle ich den Verband.
Natürlich telefoniere ich mit der Krankenkasse.
Natürlich recherchiere ich Rollstühle.
Natürlich kümmere ich mich um Aikos Zukunft.
Natürlich schreiben wir Bewerbungen.
Suchen passende Ärzte.
Unterstützer.
Natürlich…
Bis irgendwann das Wort natürlich so schwer wird, dass es sich anfühlt wie ein Rucksack voller Steine.
Heute war wieder so ein Tag.
Eigentlich heilte die Wunde gut.
Darüber hätte ich mich freuen können.
Stattdessen stand ich in einer Wohnung, in der vier Essen herumstanden.
Der Blutzucker war bei 320.
Insulin vergessen.
Tabletten vergessen.
Brustschmerzen.
Ein Satz, der hängen blieb:
"Wenn ich morgen noch lebe…"
Und gleichzeitig der Satz, den ich inzwischen fast auswendig kenne:
"Ich brauche keine Hilfe."
Manchmal liegen zwischen diesen beiden Sätzen nur wenige Minuten.
Ich bin meiner Mutter ähnlicher, als ich dachte.
Früher habe ich oft gedacht:
"So werde ich später nicht."
Heute merke ich…
Ich habe etwas von ihr übernommen.
Nicht ihre Art.
Aber dieses tiefe Bedürfnis, dass es allen anderen gut geht.
Erst die anderen.
Dann vielleicht ich.
Vielleicht.
Irgendwann.
Wenns passt.
Was ich gerade lerne
Empathie ist etwas Wunderschönes.
Aber sie hat einen Haken.
Sie funktioniert in beide Richtungen.
Nicht nur für andere.
Auch für mich.
Ich darf müde sein.
Ich darf sagen:
"Heute schaffe ich das nicht alleine."
Ich darf Hilfe organisieren, ohne zu versagen oder mich erklären zu müssen.
Und vielleicht muss ich mir denselben Satz sagen, den ich jedem anderen sofort glauben würde:
Auch der Kümmerer braucht jemanden, der sich kümmert.
Und morgen?
Morgen fahre ich wieder mit meinem Vater zum Kardiologen.
Ich werde wieder Listen dabeihaben.
Fragen.
Beobachtungen.
Werte
Ich werde wahrscheinlich wieder organisieren.
Denn das bin ich.
Aber vielleicht nehme ich morgen noch etwas anderes mit.
Den Gedanken, dass zwischen all den Menschen, um die ich mich kümmere…
…auch noch eine Antje sitzt.
Und die hätte eigentlich auch mal einen Kaffee verdient.
Nicht, weil danach alles wieder gut ist.
Sondern einfach, weil sie ihn sich verdient hat.