10 Tage
Manchmal braucht es keinen perfekt geplanten Urlaub. Manchmal reicht ein Ort, an dem die Welt für eine Weile etwas leiser wird.
Als wir in Alveringem ankamen, war da sofort dieses Gefühl von Weite. Der Himmel schien größer als zu Hause, die Straßen ruhiger und die Tage langsamer. Genau das, was wir beide nach den vergangenen Monaten gebraucht hatten.
Wir ließen den Urlaub einfach entstehen. Kein straffer Plan, keine Liste mit Sehenswürdigkeiten, die unbedingt abgehakt werden mussten. Stattdessen fuhren wir los, wenn uns danach war. Mal an die belgische Küste nach Oostende, De Haan, Blankenberge oder Zeebrugge. Mal einfach über kleine Landstraßen bis nach Frankreich. Wir standen auf dem Mont des Cats, blickten über Belgien und Frankreich, besuchten die Trappistenabtei, kauften Käse und ein Stück handgemachte Seife und stellten wieder einmal fest, dass die schönsten Erinnerungen oft ungeplant entstehen.
Wir entdeckten Hopfenfelder, alte Bahnhöfe, Windmühlen, Dünen, das Meer und kleine Orte, die wir vorher kaum kannten. In den Niederlanden fuhren wir über Dämme, bestaunten die Oosterscheldekering und ließen uns einfach treiben. Nicht das Ziel war wichtig, sondern der Weg dorthin.
Auch die Geschichte des Landes begleitete uns. Soldatenfriedhöfe, Denkmäler und Erinnerungsorte machten deutlich, wie viel Vergangenheit diese Landschaft in sich trägt. Zwischen all den schönen Eindrücken waren das stille Momente, die nachdenklich machten.
Mein Mann erfüllte sich währenddessen einen kleinen Traum. Mit seinem Rennrad bezwang er den Mont des Cats – 460 Höhenmeter. Es lief nicht alles perfekt. Ein platter Reifen, ein Sturz und Momente, in denen die Kraft nicht mehr reichte. Aber genau das machte diesen Tag besonders. Er gab nicht auf. Er fuhr weiter. Und oben angekommen war nicht nur ein Berg geschafft, sondern auch ein Stück persönlicher Stolz gewonnen.
Ich selbst musste lernen, den Urlaub anders zu erleben als früher. Nicht jede Strecke konnte ich laufen. Die Fraktur im Kreuzbein und die Knochenmetastasen setzten Grenzen. Manche Tage waren von Fatique geprägt, die Haut trocken, die Energie begrenzt. Und trotzdem fühlte ich mich oft besser als zu Hause.
Vielleicht lag es daran, dass niemand etwas von mir erwartete. Dass ich lesen durfte, ohne auf die Uhr zu schauen. Stricken konnte, wann immer mir danach war. Einfach auf der Terrasse sitzen, dem Wind zuhören oder mit einem Tee den Morgen beginnen. Ich entdeckte, wie gut mir diese Ruhe tat.
Yuki zeigte uns auf ihre ganz eigene Weise, wie man mit Hitze umgeht. Mal lag sie in der Sonne, mal suchte sie den Schatten oder ging ins Haus. Sie vertraute ihrem Gefühl. Vielleicht war das auch für uns eine kleine Erinnerung, mehr auf den eigenen Körper zu hören.
Ein besonderer Lieblingsort wurde der Teich an unserer Unterkunft. Einfach hineinspringen, sich abkühlen, später mit einem Glas Wein den Abend ausklingen lassen. Keine großen Attraktionen. Nur das Gefühl, angekommen zu sein.
Am letzten Abend bereitete unsere Gastgeberin Burger und Pommes aus ihrem Hofrestaurant zu. Ein einfacher Abschluss für 10 Tage, die genau das waren, was wir gebraucht hatten: unkompliziert, herzlich und voller kleiner Glücksmomente.
Natürlich nahm die Krankheit ihren Platz mit in den Urlaub. Sie verschwand nicht. Schmerzen, Medikamente und Erschöpfung reisten mit uns. Aber sie bestimmten nicht jeden einzelnen Tag. Das war vielleicht das größte Geschenk dieser Reise.
Wieder zu Hause merkte ich schnell, wie laut und fordernd der Alltag ist. Schon die Treppe am Morgen machte deutlich, dass die Schmerzen noch da sind. Die Ruhe des Urlaubs ließ sich nicht einfach mit nach Hause nehmen.
Und trotzdem ist etwas geblieben.
Die Erinnerung an einen riesigen Himmel über Belgien. An Düsenjets, die uns am ersten und letzten Urlaubstag begleiteten. An kleine Straßen ohne Zeitdruck. An den Mut meines Mannes am Berg. An das Lachen über Schafe, die scheinbar Rennradfahrer erschrecken wollten. An ein Buch auf der Terrasse, Wolle zwischen den Fingern, den Hund zu unseren Füßen und das Gefühl, dass Glück manchmal erstaunlich leise sein kann.
Dieser Urlaub hat nichts geheilt.
Aber er hat Kraft geschenkt.
Und manchmal ist genau das das Wertvollste, was eine Reise hinterlassen kann.





