Ein Buch geht weiter

Ein Buch geht weiter

Manche Dinge gehören zu unserer Geschichte, obwohl sie eigentlich gar nicht unsere eigene Geschichte sind.

Dieses Buch ist so ein Ding.

Meine Eltern haben alte Bücher gesammelt. Zu DDR-Zeiten war das oft ein ganz eigener Weg. Vieles bekam man nicht einfach irgendwo zu kaufen. Alte Bücher wanderten von Mensch zu Mensch, aus Haushalten, aus Nachlässen, von älteren Leuten, die selbst wieder Bücher aufgehoben hatten. So entstanden Sammlungen, die nicht nur aus Papier bestanden, sondern auch aus Geschichten, Zufällen und Wegen, die sich heute kaum noch nachvollziehen lassen.

Eines dieser Bücher ist eine Jubiläumsschrift für den Mühlenbesitzer Paul Tiede aus Brandenburg an der Havel. Sie erschien 1938 zu seinem 50-jährigen Berufsjubiläum.

Schon der Einband ist besonders, mit dem Wappen der Familie Tiede. Im Inneren finden sich alte Fotografien, Illustrationen und Texte zur Geschichte der Mühlen und der Familie.

Und dann lag da noch etwas.

Ein Originalbrief der A. Tiede Brandenburger Mühlenwerke aus dem Juni 1938. Darin wird eine falsche Angabe in der Jubiläumsschrift berichtigt. Es geht um den Erwerb der Krakauer Mühle und um einen Notariatsvertrag aus dem Jahr 1898.

Ein kleines Stück Papier. Aber eines, das eine historische Information trägt, die so im Buch selbst eben nicht richtig steht.

Ich habe deshalb beim Stadtarchiv Brandenburg an der Havel nachgefragt, ob das Buch und vor allem dieser Brief dort bekannt sind.

Das Buch kennen sie. Ihr eigenes Exemplar ist allerdings deutlich stärker beschädigt.

Der eingelegte Brief war dort bisher nicht bekannt.

Und plötzlich bekam dieses alte Buch einen neuen Weg.

Das Stadtarchiv möchte es gern in seinen Bestand übernehmen und damit dauerhaft erhalten und zugänglich machen.

Für mich war ziemlich schnell klar, dass ich das möchte.

Nicht, weil dieses Buch für mich persönlich eine besondere Erinnerung trägt. Ich habe keine eigene Verbindung zu Paul Tiede oder zu den Brandenburger Mühlenwerken. Aber es gehört zur Geschichte meiner Eltern. Zu ihrer Sammelleidenschaft. Zu einer Zeit, in der alte Dinge auf ganz anderen Wegen ihren Besitzer wechselten als heute.

Und vielleicht ist genau das der richtige Abschluss für dieses Buch.

Es bleibt nicht einfach irgendwo in einem Regal stehen. Es wird nicht irgendwann achtlos aussortiert. Es bekommt einen Ort, an dem sein Inhalt tatsächlich noch von Bedeutung sein kann.

Ich habe darum gebeten, dass – sofern es möglich ist – bei der Übernahme vermerkt wird, dass dieses Exemplar aus der privaten Büchersammlung meiner Eltern beziehungsweise der Familie Chilla stammt.

Das ist mir wichtig.

Nicht, weil unser Name dort groß stehen muss.

Sondern weil so eine kleine Spur bleibt.

Meine Eltern haben dieses Buch irgendwann gefunden, bewahrt und durch die Jahre getragen. Jetzt gebe ich es weiter.

Vielleicht nimmt es irgendwann jemand im Archiv in die Hand, weil er über die Brandenburger Mühlen forscht. Vielleicht ist gerade dieser Brief einmal das kleine fehlende Puzzleteil in einer größeren Geschichte.

Dann hat das Aufheben meiner Eltern noch einmal einen Sinn bekommen.

Und vielleicht ist das manchmal auch eine Form des Loslassens:

Nicht alles behalten zu müssen.

Sondern Dinge dorthin weiterzugeben, wo sie weiterleben können.

Ich finde den Gedanken gerade ziemlich schön.

Manches gehört nicht zu uns.
Aber wir dürfen ein Stück seines Weges begleiten.